BIKE: Das Mountain Bike Magazin Nr. 5/Mai 1993
  Klein
ABER
  FEIN

AUDIENZ
BEIM ALUMINIUM-PAPST
DER US-SZENE
1993

Superdicke Rohre, exzellente Verarbeitung und
brillante Lackierung. Beim Anblick dieser Rahmen
flippt nicht nur Gary Klein aus - auch jeder andere
Bike-Freak ist entzückt. Gary´s Company ist heute
nicht mehr klein, aber immer noch fein.

Er mochte es schon immer etwas größer. Wenn Gary Klein sich aufs Fahrrad setzt, dann tut er das nicht, um mal eben beim Bäcker um die Ecke Brötchen zu holen. Sein allerstes Rad-Rennen war denn auch etwas ausgedehnter: 200 Meilen legte Gary als 18 jähriger beim "Davies Double" zurück. Das "Davis Double" war eine Frühlingsveranstaltung der kalifornischen Stadt Davies, wo Gary Klein studierte. "Eine richtige Fahrradstadt, der Campus war für Autos gesperrt", erinnert sich Gary. Für Amerika normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Nach dem 200-Meilen-Ding hatte es den jungen Gary gepackt. "Das Rennen ging über einen Paß, ich war den ganzen Tag auf meinem Schwinn Versity unterwegs - für mich eine total neue Herausforderung. Damals spielte ich gerade ein wenig Tennis." Klein wechselte die Uni, die neue Leidenschaft blieb. Am berühmten Massachussetts Institute for Technology (MIT) in Boston, einer der besten technischen Universitäten Amerikas, studierte Gary Klein "chemical engineering"(Chemie). Als ein Freund den Uni-Radlklub "MIT Wheelman" gründete war Gary sofort dabei. "wir trainierten viel, und schon damals begannen einige Jungs, eigene Rahmen zu bauen."

Mit Gefühl und Sorgfalt polieren die Klein-Leute ihre Schweißnähte. Das Rahmen-Finish
ist äußerst wichtig.



Klein legt Wert auf einen exquisiten
"Paint Job", wie die Amerikaner das
Lackieren nennen.

Er trat auch dem amerikanischen Radverband bei, der USCF (United States Cycling Federation), um Straßenrennen zu bestreiten. Während er das erzählt, muß Gary Klein plötzlich laut und wiehernd auflachen (das werde ich an diesem Abend noch öfters zu hören bekommen): "Ich war gleich zweimal in der USCF, nämlich auch noch in der United States Chess Federation, dem Schach-Verband." Schach und biken, Kopf und Körper - diese Kombination behielt der Chemiestudent bei. "Ich wollte immer irgend etwas mit meinen Händen erschaffen, und so belegte ich alle praktischen Kurse am MIT, die ich nehmen konnte. Und dieses Institut in Boston hat eine wahnsinnige technische Ausrüstung. Wenn du irgendetwas mit irgendeinem Material ausprobieren willst - dort hast du die Möglichkeit dazu. Wir experimentierten mit Boron, Beryllium, Aluminium, allen möglichen Stoffen." Und so wie Gary dabei grinst, ist klar, daß er seinen jungenhaften Spieltrieb dort voll ausgelebt hat. Er lernte schweißen, drehen, fräßen, montieren, bastelte kleinere Teile für Rennräder, aber es blieben Spielereien.



Glänzend: Jeder Rahmen erhält
einen kompletten Überzug aus
Durethan.

Nach dem Studienabschluß ging es erst einmal raus ins richtige Leben. In Indiana verdiente Gary sein Geld als Ingenieur bei Standard Oil, einer großen Erdölgesellschaft. "Ich bastelte im Labor, baute Geräte, um chemische Reaktionen zu steuern und so. Vieles, was man da macht, gleicht der Arbeit eines Mechanikers: Die Materialien und die Konstruktionen sind sehr ähnlich. Aber du arbeitest nur in einer Raffinerie oder in einem Labor. Das machte mir schnell keinen Spaß mehr, und ich ging zurück an die Uni, um den "Master" (Diplom) zu machen." Spaß an der Arbeit - das scheint ein wichtiger Punkt in Garys Leben zu sein. Also machte er sein Hobby zum Beruf. In einer Abteilung des Bostoner MIT konnte man lernen, wie man ein Geschäft aufzieht. Man wählte ein Business aus und bekam Geld und die Ausrüstung, das Ganze professionell auszuprobieren - oder zumindest die Grundlagen dafür zu erarbeiten. Gary startete zusammen mit drei anderen Typen den vorsichtigen Versuch, aus dem Bike ein Business zu machen. Sie erhielten 20000 Dollar und die Möglichkeiten, Maschinen zu bauen. Zuerst ging´s natürlich um den Firmennamen: Daß es damals schon Klein hieß, ist nicht Garys Verdienst. "Die anderen haben mich überstimmt, drei zu eins. Ich wollte nicht, daß die Firma meinen Namen trägt, aber inzwischen bin ich froh darüber", meint Gary, der eigentlich ein bescheidener Typ ist. "Es macht einen großen Unterschied, ob das Ding XY heißt, oder ob dein Name draufsteht. Das Produkt wird für dich selbst viel wichtiger und persöhnlicher." Das war 1975, doch bis zur heutigen Firma von Gary Klein war es noch ein weiter Weg. "Wir bauten damals Prototypen für Rennräder und entwickelten Werkzeuge, um die Rahmen kommerziell herstellen zu können. Bis uns dann die Universität rauswarf." Gary muß schon wieder lachen: "Die Jungs meinten, wir könnten einfach keine Fahrradfabrik in der Uni einrichten, da mußten wir gehen."



Alles Handarbeit: Gabel und Rahmen
dürfen nur bewährte Schweißer
anfertigen.

Seine Eltern besaßen damals eine Pflaumen-Farm in Morgan Hill/ Kalifornien, nur zwei Meilen vom Specialized-Hauptquartier entfernt. "Für die Herstellung von Trockenpflaumen braucht man große Hallen, und meine Eltern stellten mir Gebäude zur Verfügung, um mein Bike-Business aufziehen zu können. Von den drei Partnern blieb nur Jim Williams übrig. Die Zeit war ziemlich frustrierend, wir waren "starving framebuilders", hungernde Rahmenbauer". So konnte es nicht weiter gehen. Vier Jahre krebste Gary am Rande des Existenzminiums dahin, bis er die entscheidene Idee hatte: "Meine Rahmen waren einfach zu billig. Ich verlangte rund 400 Dollar dafür und konnte nie das bauen was ich wirklich wollte. Also machte ich sie besser, erhöhte kurzerhand den Preis auf 795 Dollar - und die Bestellungen gingen nach oben". Gary lacht. Zu dem höheren Verkaufspreis konnte er hochwertigeres Material verwenden und endlich nach seinen Qualitäts-Vorstellungen arbeiten. 1980 kostete ein Custom-Made-Rahmen 2295 Dollar. Rennradrahmen, von Mountainbikes hatte Gary damals noch keine Ahnung. Sein Wissen über die Rennräder eignete er sich praktisch an. "Ich fuhr jedes Rad von meinen Kumpels, das ich in die Hände kriegen konnte. Ich habe keine Ahnung von Rahmen-Mathematik, ich kann auch nicht in Zahlen berechnen, wie sich ein Bike fährt. Die ersten Rennräder die ich für mich selber baute, hatten wirklich eine miese Geometrie, weil ich englische Räder kopierte: kurzer Radstand, steile Winkel. Erst als ich dann ein Colnago von einem Freund ausprobierte, wurden meine Räder besser: Die Balance war ausgewogener, der Sitzwinkel moderater, kurze Kettenstreben. So tasteten wir uns immer mehr an gute Räder heran".


Höchste Präzision: Jede Mission-Control-Einheit ist auf den Millimeter
eingerichtet.

Fummeln für die Ästhetik: In den Rahmen kommen Teflon-Hüllen für die
innenverlegten Züge.

Erst 1985 saß Gary Klein zum ersten Mal auf einem Mountainbike, einem Custom Made von Jim Merz. "Mir kam es vor, als würde sich der Rahmen stärker verwinden als beim Rennrad. Es war ein Rahmen aus Columbus Rohren. Als ich selbst mein erstes Mountainbike baute, wollte ich ein leichteres und steiferes Bike bauen als die anderen". Ganz nebenbei: Jim Merz entwarf eine Zeitlang für Specialized die Rahmengeometrien. Das war der Durchbruch für den heutigen Bestseller Stumpjumper, erinnert sich Gary. In seiner aktiven Zeit wog Gary Klein 175 amerikanische Pfund, etwa 80 Kilogramm. Jetzt hat er nochmal 25 pounds zugelegt, bringt also 90 Kilo auf die Kurbel - kein Wunder, daß er auf absolut steife Rahmen schwört. So kam er auch auf Aluminium als Rahmenmaterial: "Alu hat das beste Gewichts-Steifigkeits-Verhältnis". Das Wort, das dann in der Diskussion am häufigsten vorkommt, ist "stiffnes". Und wer jemals auf einem Klein saß, weiß auch ohne Übersetzung, was Gary meint. Da kommt der Rennfahrer in ihm durch: Er möchte total steife Rahmen, um kein bißchen an Energie zu verschwenden. Gleichzeitig baut er aber viel Reifenfreiheit in seine Bike-Rahmen ein, um schöne dicke Reifen fahren zu können, und weil sein bevorzugtes Hausrevier im Bundesstaat Washington, nur eine halbe Stunde von der Fabrik entfernt, meist ziemlich schlammige Trails hat. Das ist überhaupt das Grundprinzip der Klein Factory: Alles, was dort entsteht, hat Gary zuerst selbst ausprobiert und es nach seinen Vorstellungen gestaltet. Zwar arbeitet er im research & development (Forschung und Entwicklung), amerikanisch kurz "Ar änd Dii" genannt, mit anderen zusammen, doch meist ist er der Kopf und Praktiker der Design-Truppe. Sein erster Mountainbike-Rahmen vor acht Jahren war gleich um 50 bis 100 Prozent steifer als alle bisherigen, meint Gary stolz. "Unser Prinzip mit den Oversized-Rohren hat ganz klare mathematische Grundlagen." Da kommt der Ingenieur in ihm durch. Das Adroit für 1993 hat ein zwei Zoll dickes Unterrohr - das sind fünf Zentimeter Durchmesser. Beim "Attitude" hat Gary immerhin ein Achtel Zoll (drei Millimeter) am Unterrohr zurückgenommen. "Es gibt eine ganz einfache Rechnung: Wenn man das Gesamtgewicht eines Rohres konstant hält, also den Rohrdurchmesser erhöht und gleichzeitig die Wandstärke entsprechend verringert, steigt die Festigkeit linear zum Durchmesser, die Steifigkeit aber steigt expontiell, im Quadrat. Und wir haben unsere Rahmen an ausgesuchten Stellen noch mit Boron- und Carbonfiber-Epoxy verstärkt. Unsere Rahmen weisen sowenig Flex wie möglich auf."




Seine wuchtigen Alugabeln
verstärkt Gary Klein mit
Kohlefasern.

Und welches Material bevorzugt Gary ? "Die Bezeichnung Aluminium T 6061 steht für verschiedene Legierungen, und ich möchte nur soviel verraten, daß wir von unserem Hersteller immer ausgesuchte, speziell behandelte Qualität bekommen." Wenn´s um die Feinheiten geht, wird der sonst so offene Gary zugeknöpft. Alle Geheimnisse möchte er dann doch nicht verraten. Stolz ist er auf die Präzision, mit der alle Rahmen gefertigt werden. In der Fabrik in Chehalis, einem kleinen Kaff rund eine Autostunde östlich von Seattle, wird jeder Rahmen, jede Gabel auf den Millimeter vermessen und eingerichtet. "Viele Hersteller fangen beim Rahmenbau mit dem Tretlager an, stecken die anderen Rohre an und versuchen, sie auszurichten. Wir machen das anders. Wir fixieren die Rohre auf einer Art Richtbank und schweißen die entscheidenen Verbindungen wie Tretlager und Steuerrohr an, wenn alles optimal zueinander paßt. Nach der Hitzebehandlung sind nur noch wenig Korrekturen nötig." Genauso entwickelte Gary Klein einen eigenen Steuersatz und ein Tretlager, das wartungsfrei ist. "Es ist doch immer das gleiche: Du montierst einen neuen Shimano Steuersatz, und nach dem dritten Ausflug ist das Ding locker. Okay, wir fahren ziemlich hart, aber das hat mich so genervt, das ich etwas Eigenes entwickelt habe. Wobei auch der Oversize-Headset nicht wirklich neu ist, das gab es schon zuvor an Tandems. Im Prinzip gibt es nichts wirklich Neues am Fahrrad, man kann nur kopieren und verbessern", meint Gary - und grinst dabei. Das macht er aber nicht schlecht. Immerhin entwickelte er sein Mission Control-System, die Lenker-Vorbau-Einheit aus Aluminium, um Gewicht zu sparen. Und aus rein praktischen Erwägungen besitzt jeder Klein Rahmen den "Chain Control Device", mit dem Kettenklemmer zwischen Strebe und Kettenblatt verhindert werden. Ebenfalls ein Klein-Patent. Praktische Gründe führt Klein auch für die innenverlegten Züge an. Für Ästheten ein Genuß, aber leider fürs Reinigen und Ausbauen der Züge eher hinderlich. "Die Züge innen zu verlegen ist Tradition bei uns. Wir versuchen die kürzesten und geradlinigsten Wege zu finden. Wir bauten schon Räder mit außenliegenden Zügen, aber auf unseren engen Single Trails blieben immer Blätter und Zweige hängen."


Warum die Schweißnähte bei Klein so "smooth", wie er selbst sagt , so weich und sauber ausschauen, verrät er nicht gern. "Es handelt sich um eine ganz andere Schweißtechnik als beispielsweise bei Stahl. Es entstehen keine Schweißraupen, sondern eher eine Art Manschette, die wir nur noch fein polieren. Würde man eine Stahl-Schweißnaht genauso abschleifen wie unsere, bräche der Rahmen auseinander", meint Gary schmunzelnd. Mehr Details läßt er nicht raus - Betriebsgeheimnis. Auch die Zahl der jährlich produzierten Rahmen bleibt im dunkeln. Im Lager strahlen mir Hunderte von frischlackierten Fahrgestellen entgegen. Die Pinnacles, Attitudes, Rascals, und Adroits hängen wie die Trauben von der Decke. So muß das Paradies für Klein-Freaks aussehen. Alle Rahmen werden von Hand lackiert und mit Durethan versiegelt. Das gibt Glanz für alle Ewigkeit. Maschinen sieht man kaum, Roboter überhaupt nicht, dafür viele Menschen, die alle mit ihren Händen arbeiten. Zwischen 30 und 50 Leute beschäftigt die Company in der großen Halle an der Klein Street in Chehalis, eine Gegend, wo sich nicht mal mehr Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Das ist auch der Grund, warum Gary Klein seine Fabrik und sein Haus in diesem weitläufigen Bundesstaat nahe der kanadischen Grenze hat: Grundstücke und Arbeitskräfte sind viel günstiger als im teuren Kalifornien. Und in dem Naturpark, in dem wir Sonntag morgen vier Stunden biken, tummeln sich Horden von Motocross-Anfängern und Gruppen auf Four-Wheel-Gefährten. Auf den Gedanken, daß ein Mountainbiker auch nur eine Erdkrume zerbröseln könnte, kommt keiner - hier ist die Bike-Welt noch in Ordnung. Neben seinem Faible für Fahrräder ist der große Junge Gary Klein am liebsten zu Hause, einem Haus voller Katzen und Kinder. Und weil seine Kinder sein ein und alles sind, haben seine drei Töchter die wohl teuersten Bikes der USA: Custom Made Kleins, die aussehen wie Modelle der Großen im Maßstab 1:3.


BIKE PERSONALITY
Name: Gary Gordon Klein.
Geburtstag: 9.Juni 1952.
Beruf: Rahmenbauer.
Wohnort: Chehalis/Washington.
Persöhnliches Transportmittel:
Bike und VW-Bus.
Von welchem Beruf haben Sie
als Kind geträumt ?

Ingenieur.
Was möchten Sie sein ?
Ordentlicher. Mein Tagesplan klappt nie.
Worauf können Sie nicht verzichten ?
Auf Kaffee. Meine größte Schwäche.
Ihr Traum vom Abenteuer ?
Durch Costa Rica touren.
In welchem Sport wären sie gerne
erfolgreich ?

Ich wollte immer bei der Tour de France
mitfahren. Aber ein Klein-Team-Rider wäre
auch nicht schlecht.
Ihre Vorstellung vom Glück ?
Ich habe im Leben immer Glück gehabt.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten:
Als Astronaut in den Weltraum fliegen.
Mit wem würden Sie gerne zu Abend essen ?
Ross Perot (Millionär, Gegenkandidat von Bill Clinton).            Das kleinste Klein für Tochter Michelle.
Was ich mag: Kontrolliert schnell fahren, springen.
Was ich nicht mag: Verkehrsstaus, Umweltverschmutzung, Bürokratentum.
Ziel: Das beste Produkt herzustellen, das ich kann.
Motto: Attitude ist everything (alles Einstellungssache).
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