Herr Klein liebt es, Dinge auf seine Weise zu tun; so, wie seine Konkurrenten sie nicht hinbekommen. Vor allem aber liebt er dicke Rohre – und das nicht erst, seit sie en vogue sind. Sein Hang zu eigenständigen, bisweilen auch eigenwilligen technischen Lösungen ist unverkennbar. Auch deshalb unterscheiden sich die Kreationen Gary Kleins in vielerlei Hinsicht von dem, was seine Konkurrenten auf zwei Räder stellen. Kleins Renner sind starke Charaktere inmitten der Masse mittelmäßiger Mimen. Schon vor 20 Jahren

der Sparte "Asphaltrenner" ist das "Quantum Pro": Der spektakulär lackierte Rahmen wurde für den TOUR–Test von Radsport Holczer – Hans Holczer ist Teamchef der Öschelbronner Radbundesliga–Mannschaft, die auf Klein–Rädern fährt – mit Shimanos Dura–Ace–Gruppe eher konventionell aufgebaut, setzt aber mit 8,7 Kilogramm Gesamtgewicht dennoch Zeichen. Eine weiterentwickelte 6061–Aluminium–Legierung macht den Rahmen unvergleichlich leicht und

steif: Im 49–Rahmen–Test des neuen TOUR–Sonderheftes belegte der "Quantum Pro" in zwei von drei Wertungen jeweils Platz eins. Zu den Details der Rohre befragt, hüllte sich Gary Klein in Schweigen, Gerüchte wollen von einer Zusammenarbeit mit Boeing wissen. Sicher ist: Die eigentlich bereits angekündigte Lithium–Legierung ist nicht der Stoff, aus dem die Rohre sind. Daß diese extrem dünnwandig gefertigt werden, hört man eher, als daß man es erfühlen könnte. Sanftes Anklopfen erzeugt einen "dünnen" Klang,

hat der Rahmenbauer aus Chehalis im US–Bundesstaat Washington mit dem Bau von Aluminium–Rennrädern begonnen. Von Anfang an schuf Klein Alu–Rahmen in der technisch sinnvollen Oversized–Bauweise – lange, bevor die ersten Mountainbike–Rahmen das Licht des Schweißbogens erblickten. Sein technisches Basiswissen hatte er sich am Massachusetts Institute of Technology erworben, das er 1975 mit einem Ingenieurdiplom in der Tasche verließ. Im Verlauf von nur zwei Dekaden entwickelte sich aus Gary Kleins Garage, in der alles begann, ein leistungsfähiges Unternehmen, das in Spitzenzeiten bis zu 240 Mitarbeiter beschäftigt und pro Jahr weltweit 20.000 Rahmen verkauft. In 48 Ländern auf diesem Globus werden die Bikes vertrieben – bemerkenswert für einen Hersteller, der sich ausschließlich auf das hochwertige Marktsegment konzentriert.

  Vorläufiger Höhepunkt der Entwicklung in

selbst kräftiger Druck mit dem Daumen aber läßt das Rohr noch nicht federn. Dennoch mahnt ein Aufkleber am Sitzrohr ausdrücklich, den Rahmen nur an der Sattelstütze in einen Montageständer einzuspannen.


  Die Gabel? Die sei aus Verbundwerkstoff, Aluminium und Carbon kämen dabei zum Zuge – aber mehr weiß auch Markus Storck, Deutschlandimporteur der US–Bikes, nicht zu berichten. Jedenfalls wiegt die Gabel nur unglaubliche 380 Gramm. Zum geringen Gewicht trägt auch das Gabelschaftrohr aus Aluminium bei; technisch ist das eine umstrittene Lösung, andere Hersteller haben damit keine guten Erfahrungen gemacht.
Der enorme Aufwand reduziert das Gabelgewicht im Vergleich zu geklebten Alu/ Stahl–Gabeln taiwanesischer Provenienz um rund dreißig Prozent. Die bieten allerdings wesentlich mehr Federkomfort als die aerodynamisch günstigen, geraden Gabelscheiden der "Aeros"–Forke.

Quantum XL... Click the Quantum (200 KB).
Details XL... Click the Picture (200 KB).

  Uneingeschränkt erfreulich hingegen der Rahmen. Auch wenn Gary Klein aus dem Material seiner Rohre ein Geheimnis macht – das Ergebnis spricht eine deutliche Sprache. 1.330 Gramm bei Rahmenhöhe 57 sind rekordverdächtig. Dabei geht das geringe Gewicht nicht zu Lasten der Steifigkeit: Auch in diesem Punkt ist das Quantum Pro nämlich für Bestnoten gut.

das dazu verleitet, das Rad aus allen Richtungen eingehend zu mustern. Der Blick ins Detail lohnt sich; von den sanft bearbeiteten Schweiß–nähten über perfekt im Rahmen verlegte Züge, den Kein–eigenen, in Rahmenfarbe lackierten Vorbau mit cleverer Klemmung und zu öffnendem Lenkerauge, bis hin zu den Speziallagern in Tretlager und Steuerrohr: Klein treibt den

98,1 Nm/ Grad für die Lenkkopfsteifigkeit sind ein Wert, so selten wie Schnee in Rom. Verantwortlich dafür sind die üppigen Rohrdurchmesser, die im Unterrohr bis zu 48 Millimeter erreichen, sowie die gelungene Abstimmung der Rohre. Da der Klein–Rahmen auch im Tretlager gut "steht", ergibt dies in der Summe die federleichte Basis für ein bergab wie bergauf unerschütterlich

marschierendes Edel–Rennrad.
  Auch die Lackierung des Klein sucht ihresgleichen: Je nach Blickwinkel ändert es seine Farbe wie ein Chamäleon. Eben noch violett, überzieht beim Näherkommen ein pinkfarbener Schleier das Rohr, der bei weiterer Annäherung einem metallischen Grün weicht. Ein attraktives Verwirrspiel,

Individualismus auf die Spitze. Für beide Lagerungen verwendet die US–Schmiede Rillenkugellager, die per Preßsitz Tretlagerwelle und Gabelschaft fixieren. Beim Tretlager verbaut Gary Klein eine kurze Welle und nutzt durch die direkt ins Gehäuse gepreßten Lager die maximal mögliche Abstützbreite. Dadurch zählt dieses

Lager zu den steifsten überhaupt. Keine taumelnden Blätter, keine im Umwerfer streifende Kette beim Wiegetritt – die Minimallösung spart Gewicht, soll extrem haltbar sein, verlangt im Reparaturfall aber nach Spezialwerkzeug. Weitere Einschränkungen: Eine Nachjustierung ist, ebenso wie die Verwendung konventioneller Innenlager und Steuersätze, nicht möglich.

  Im Fahrtest werden die Vorzüge des konsequenten Leichtbaus schnell spürbar – Antritt erzeugt Vortrieb. Akustisch bringen sich die großvolumigen Rohre beim Überfahren von Unebenheiten in Erinnerung, auch Schaltgeräusche werden leicht verstärkt – die High–Tech–"Dose" hat ihren eigenen Sound. Die Geometrie wird durch das nach amerikanischer Art etwas lange Oberrohr und den steilen Sitzwinkel geprägt, das Fahrverhalten ist ausgewogen. Auffällig hingegen die schwergängige Lenkung: Sie verursacht bei Langsamfahrt erhebliche Schlangenlinien und vereitelt das Freihändigfahren wirkungsvoll. Deutschland–Importeur Markus Storck nennt die Ursache: "Die Speziallager laufen schwerer als die gewöhnlichen, halten aber auch viel länger. Nach etwa 3.000 Kilometern ist das Lenkkopflager leichtgängig genug, um freihändig fahren zu können." Eine wenig befriedigende Erklärung für ein echtes Sicherheitsdefizit. Nicht nur Rennfahrer werden sich darüber ärgern: Kein Überziehen der Regenjacke im Fahren, kein schneller Griff in die Trikottasche mit beiden Händen, erschwerter Zugang selbst zum Innenleben einer Banane. Ein Rad mit solchen Lenkeigenschaften landet im Normalfall in der Werkstatt.
  Der erste Laufradwechsel bringt eine weitere Eigenart ans Licht: Die nach hinten offenen Bahnausfallenden sparen Gewicht und harmonieren mit Leichtspannern, verlangen aber Umdenken vom Mechaniker. Ohne beherzten Griff in die Kette läßt sich das Hinterrad nicht wechseln. Hans Holczer, dessen Amateure Kleins Quantum II–Rahmen fahren, beteuert, daß der Laufradwechsel reine Übungssache sei und nicht länger dauere als bei konventionellen Ausfallern.

   Fazit: 5.000 Mark für 2.000 Gramm Rahmen, Gabel, Innenlager, Lenkkopflager und Vorbau: Auch wenn der Schriftzug ":Klein" den makellosen Lack ziert – eine Menge Geld ist das dennoch. Freilich: Origineller und individueller als nach Art des Hauses Klein läßt sich derzeit wohl kein "konventionelles" Rennrad bewegen. Die ausgeprägten Charakterzüge des Quantum Pro machen es zum Gesicht in der Menge. Verglichen mit manchem Titanrahmen bietet das US–Bike sehr viel fürs Geld – und die wenigen, im Gewicht vergleichbaren Alu-Rahmen weisen


weder die Fülle sinnvoller Details auf, noch erreichen sie dessen Steifigkeitswerte. Die schärfste Konkurrenz schickt der Edelschmied selbst ins Rennen: Im Preis–Leistungsverhältnis schlägt das Quantum II das Quantum Pro um Längen. Der Gewichtsunterschied liegt unter zehn Prozent, dafür passen normale Lenkkopflager ins Quantum II, das sich von Kilometer eins an feinfühlig lenken läßt – bei Bedarf auch freihändig. Das Quantum Pro bleibt damit jenen Liebhabern vorbehalten, die Gary Kleins extravagante Ideen schlichten Vernunftlösungen vorziehen.

 TOP   |    HOME   |    Testberichte