Nr. 2/ Februar 1991
Aus Deutschlands Westen - genauer aus Dortmund -
schickt der renommierte Rahmenbauer Bernd Herkelmann sein Aluminium-MTB "Cannibal" in den Kampf gegen die scheinbar übermächtige US-Konkurrenz

In letzter Zeit konnten Beobachter der deutschen MTB-Szene und die Besucher der IFMA zwei Trends feststellen, die beide ihre Ursache im (immer noch) florierenden Geschäft mit den geländetauglichen Zweirädern haben. Da gibt es zum einen plötzlich MTB-Hersteller, die bislang noch überhaupt nichts mit Fahrrädern zu tun hatten - die Verkaufspolitik der taiwanesischen Produzenten machts möglich. Die zweite Gruppe von Neuanbietern kommt aus der Rennrad- oder Motorrad - Ecke. Im Falle des Cannibal sogar aus beiden: Bernd Herkelmann genießt unter Straßenrennfahren einen hervorragenden Ruf als Erbauer hochwertig verarbeiteter Maßrahmen. Sein Aluminium-MTB allerdings läßt er von einem ehemaligen Motorrad-Rahmenbauer zusammenschweißen. War es bisher meist so, daß Mountain Bikes "made in Germany" den aktuellen Trends der amerikanischen MTB-Gurus in punkto Rahmengeometrie um Jahre hinterherhinkten, so zeigt die Überprüfung der vollmundigen Werbeaussagen fürs Cannibal-MTB, daß sowohl der Erbauer als auch "Designer" Herkelmann ihr Handwerk verstehen. Oberstes Gebot bei der Rahmenkonzeption war das Erreichen einer äußerst langlebigen und steifen Konstruktion. So muß sich das Herkelmann-MTB auch keineswegs vor dem offensichtlichen Vorbild Cannondale verstecken - die Steifigskeitwerte des SM 2000 (siehe Ausgabe 8/90) werden allesamt erreicht oder gar übertroffen. Das querovale gedrückte Oberrohr zeigt demnach aber nicht die beabsichtigte Wirkung, die Tretlagerabsenkung unter Belastung und damit den "Federungs"- Komfort des Rahmens zu vergrößern - Kannibalen sind eben keine Weichlinge... Die Schweißnähte, die die Aluminiumrohre der Sorte 7005 zusammenhalten, werden nur grob verschliffen und vor dem Lackieren mit einer Spachtelmasse "verputzt" - so wird sowohl der Ästhetik als auch der erwünschten Lebensdauer Rechnung getragen. Das riskante Abschleifen lebenswichtiger Verbindungsstellen - wobei allzuleicht zuviel "des Guten" getan wird unterbleibt. Eine weitere Spezialität des Cannibal steckt verborgen im Inneren: Die annähernd ovalen Kettenstreben gewähren einerseits ausreichende Reifenfreiheit, verhelfen andererseits mittels zweier innenliegender Querstege dem Rahmen zu überdurchschnittlicher Seitensteifigkeit im Tretlagerbereich. Am Oberrohr verzichtet Herkelmann auf weitere Festigkeitsverluste durch Aufschweißen der Zugführungen - die obenliegenden, geschlitzten Zughüllenwiderlager sind in gebührendem Abstand zu Lenkkopf- und Sitzrohr aufgenietet. Zur Cannibal-Marketingstrategie gehören neben dem Rahmen noch eine Reihe von Anbauteilen - Vorbau, Sattelstütze, Lenker - die optisch auf den Rahmen abgestimmt sind. Ihr Herkunftsland ist dann allerdings Taiwan.

Absicht, oder ? Der Cannibal-Rahmen - Unterrohrdurchmesser: zwei Zoll - erinnert stark an Cannondales Ofenrohr-MTBs


Von dort stammt auch die Gabel aus Tange CrMo-Stahl, die im Kaufpreis für den Rahmen enthalten ist. In Zukunft soll aber wahlweise eine Switchblade-Gabel mit eigens für Herkelmann hergestellten Gabelscheiden aus Mannesmann 34CrMo4 Stahl eingebaut werden. Dann dürfte sich auch das Gewicht des Cannibal auf das Niveau der Konkurrenz einpendeln, die 12,8 Kilogramm unseres Testrades sind nicht gerade vorbildlich. Das Mehrgewicht von fast einem Kilogramm gegenüber dem Cannondale SM 2000 geht aber wohl hauptsächlich aufs Konto der Ausstattung: Campagnolos Centaur-Gruppe ist eine seltene, aber auch gewichtige Alternative zu den allgegenwärtigen Shimano-Bauteilen. Im Testbetrieb offenbarte das Italo-Ensemble dann zwei gänzlich unterschiedliche Gesichter: Die Cantileverbremsen erschreckten schon bei der ersten Testrunde ums Redaktionsgebäde Fahrer und Passanten durch ein durchdringendes Geräusch. Die Bremsschuhe (vorne Dia Compe, hinten Aztec) ließen sich leider auch nicht lärmmindernd einstellen, Originalteile wären wohl die bessere Wahl gewesen. Ganz im Gegensatz dazu die Schaltung: Die Bullet-Drehgriffe sind mittlerweile ausgereift und überzeugen durch einwandfreie Funktion - von Fehlschaltungen bei gelegentlichen Trialeinlagen einmal abgesehen. Ein Montagefehler machte sich beim Auflegen des kleinen Kettenblattes vorne bemerkbar: Durch die zu breite Tretlagerachse verklemmte sich die (herabgefallene) Kette mehrfach zwischen Tretlagergehäse und Kettenblatt und konnte nur mühsam befreit werden. Auf den teilweise schlammigen Waldwegen der Teststrecke fiel uns die gute Traktion und Spurhaltung der Panaracer Smoke-Reifen mit ihrem "Niederquerschnittsprofil" auf, ihr vergleichsweise hohes Gewicht wird so wenigstens teilweise ausgeglichen.


ModellCannibal
Preis3895 Mark, Rahmen mit Gabel 1799 Mark
HändlernachweisHerkelmann, 4600 Dortmund 30
Rahmen
MaterialAluminium 7005
AusstattungTange CrMo-Gabel
Gewindeösen für zwei Flaschenhalter und Schutzblech hinten,
Schaltzugumlenkrolle mit Rillenkugellager (gedichtet)
Größen40,6/43,2/45,7/48,3/50,8/53,3/55,9 cm,
getestet: 48,3 cm
Antriebsgruppe
TretlagergarniturCampagnolo Centaur, 46/36/24 Zähne,
Kurbellänge 175 mm
PedaleCampagnolo Centaur
SchaltwerkCampagnolo Centaur
UmwerferSuntour XC Pro
ZahnkranzCampagnolo Centaur, 13/14/16/18/20/23/26/30 Zähne
KetteRohloff S-L-T 99
Räder
NabenCampagnolo Centaur
FelgenAraya RM 17, Aluminium poliert, 32 Loch
SpeichenEdelstahl, 2 mm
ReifenPanaracer Smoke Compe, 26 x 2,10
Ausstattung
BremsenCampagnolo Centaur, Cantilever vorne und hinten
LenkkopflagerCampagnolo Centaur, oversized (1 1/8 Zoll)
LenkerStahl, 520 mm, 4 Grad
LenkervorbauCannibal, Aluminium, 125 mm
SattelstützeCannibal, Stahl, 350 mm
SattelSelle San Marco Ergo
Messwerte
Tretlagerauslenkung1,3 mm
Torsionssteifigkeit Lenkkopf254Nm/Grad
Tretlagerabsenkung0,6 mm
Gabelvorschub2,8 mm
Gewicht12,8 kg
Plus/Minus
+ steifer Rahmen + durchdachte Verarbeitung + engstufige Größenauswahl - Montagemängel (Bremsschuhe, Tretlager)

Besser so: Die aufgenieteten Zughüllenwieder -lager sind wartungsfreundlich, weil geschlitzt

Als ausgeglichen empfanden wir das Fahrverhalten des Cannibal im Gelände. Es ließ sich auch auf schnellen Abfahrten mit unter Blättern verborgenen Spurrillen gut ausbalancieren. Schnelle Lenkkorrekturen waren dank der steilen Rahmengeometrie kein Problem, ebensowenig die Bewältigung steilster Anstiege ohne die Gefahr eines Überschlags nach hinten. Das Zusammentreffen mehrerer dicker Rohre am Lenkkopf führt allerdings dazu, daß dieser - zumindest bei den kleineren Rahmenhöhen - relativ hoch positioniert ist. Mit einem Standard-Vorbau ergibt sich trotz des langen Oberrohres eine aufrechte Sitzhaltung - MTB-Rennfahrer habenīs lieber flacher. Für sie soll aber bald das passende Anbauteil erhältlich sein. Die Absicht von Bernd Herkelmann, den Aluminium-Fans einen auf lange Lebensdauer ausgelegten MTB-Rahmen mit hoher Steifigkeit und Lebenserwartung anzubieten, ist in Gestalt des Cannibal verwirklicht. Für knapp 1800 Mark braucht sich der durchdacht verarbeitete "Menschenfresser" durchaus nicht vor der Konkurrenz aus dem fernen Westen verstecken.
Christian Deger

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