Nr. 8/August 1988
           Test Klein Pinnacle
Klein-Kunst
           Mit bullig wirkenden
        Leichtmetallrahmen hat
       sich Gary Klein in den USA
       einen Namen gemacht.
      Sportrad testete eines
     der Klein-Kunstwerke

Die Produkte der Klein Bicycle Corporation in Chehalis/ Washington tragen eine charakteristische Handschrift: Die Rahmen, ob für die Straße oder fürs Gelände, unterscheiden sich vom Gros der Konkurrenzerzeugnisse durch ungewöhnlich üppig dimensionierte Rohre. Der Grundstoff für alle Klein-Rahmen trägt die Bezeichnung 6061 T-6. Dabei handelt es sich um eine wärmebehandelte, vorgealterte Aluminiumlegierung mit Magnesium- und Siliziumbeigaben, die eine Zugfestigkeit von rund 60 kp/mm² aufweist und überdies schweißbar ist. Die relativ hohe Festigkeit des gewählten Werkstoffs kann nicht über dessen hohe Elastizität hinwegtäuschen. Um den Rahmen trotz dieses Handicaps die erwünschte Steifigkeit bei möglichst geringem Materialeinsatz angedeihen zu lassen, hat Gary Klein zu großen Rohrdurchmessern gegriffen. So kommt er mit Wandstärken von 1,6 Millimetern aus, die sich freilich an den Rohrenden auf 3,2 Millimeter verdicken. Durch diesen Zuschlag wird der unumgängliche Verlust an Festigkeit in der Schweißzone ausgebügelt. Was die handwerkliche Ausführung angeht, hält der getestete Pinnacle-Rahmen jeder kritischen Prüfung stand: Die unter Schutzgas gelegten Schweißnähte sind sauber verrundet, sie lassen das Rohrgebilde buchstäblich wie aus einem Guß erscheinen. Als Ergänzung des - perfekt und wiederstandsfähig lackierten - gedrungenen Alurahmens mutet die Gabel aus verchromtem CrMo-Stahlrohr fast wie ein Fremdkörper an. Eine Klein-MTB-Spezialität sind das zum Sitzrohr hin abfallende Oberrohr und speziell geformte Kettenstreben: Sie beginnen tretlagerseitig als Vierkantprofil und nehmen auf halbem Weg zu den massiv wirkenden, senkrechten Ausfallenden einen runden Querschnitt an - ein Kunstgriff, der dem durchlaufenden Hinterrad ein wenig mehr Platz schafft.


Leichtbau für sportlichen Geländeeinsatz: Dank edler Zutaten und Alurahmen bringt das Klein Pinnacle lediglich 11,8 Kilogramm auf die Waage

Sauber verrundete
Schweißnähte,
innenliegende
Schaltzüge.

Vorbau und
Lenker aus
dünnwandigem
CrMo-Stahlrohr.

Klein-spezifisch auch die Lagerung der Tretlagerwelle: Das Gehäuse erhält auf einer Vertikal-Fräsmaschine exakt bemessene Ausdrehungen, in die gekapselte Industrie-Rillenkugellager eingepreßt werden. Die Verbannung der Züge von Schaltung, Umwerfer und Hinterradbremse ins Unterrohr sorgt für ein aufgeräumtes Erscheinungsbild, macht aber - mangels innerer Führung - ein Auswechseln zum lästigen Gefummel. Das verblüffend niedrige Gewicht von 11,8 Kilogramm hebt das Pinnacle ebenso aus der Masse gängiger Mountain Bikes wie seine Rahmengeometrie: Ein Radstand von 1059 und eine Hinterbaulänge von 430 Millimetern stempeln das Klein MTB zu einem reinrassigen Wettbewerbsmodell. Was die nüchternen Zahlen versprechen, bestätigt das Pinnacle, sobald es schweres Gelände unter die grobstolligen Reifen bekommt. Das geringe Gewicht und die kompakten Abmessungen verhelfen ihm zu einer selten erlebten, spielerischen Leichtfüßigkeit. Plötzlich auftauchende Hindernisse lassen sich auch bei hohem Tempo ohne großen Körpereinsatz umrunden, dabei geht die erfreuliche Agilität nicht zulasten der Lenkpräzision. Die Sitzposition mit relativ weit vornübergebeugtem Oberkörper - so unbequem sie auf Dauer auch im Straßenbetrieb sein mag - zahlt sich aus, wenn das Pinnacle artgerecht bewegt wird: Bei schnellen Bergabpassagen auf losem Untergrund läßt sich die Vorderpartie in Kurven ohne Verrenkungen traktionsfördernd belasten und damit ein sturzträchtiges seitliches Wegrutschen des Vorderrades vermeiden. Im umgekehrten Fall, an Steigungen, erweist sich der Leichtmetallrahmen als zäher Bursche, der selbst unter schwersten Pedaltritten Haltung bewahrt. Was das Fahrverhalten am Berg angeht, zahlen sich der kurze Hinterbau und der für Mountain Bike-Verhältnisse relativ flache Sitzrohrwinkel (72 Grad) aus. Sie sorgen für eine Radlastverteilung, die dem treibenden Hinterrad besten Grip beschert. So werden die Grenzen des Kletterns meist nicht durch beschränkte Haftung, sondern durch einen Salto rückwärts markiert. Maßgeblichen Anteil an diesem Wohlverhalten haben natürlich auch die Panaracer-Reifen, die - nebenbei bemerkt - trotz ihrer guten Off road-Eigenschaften auch auf Asphalt akzeptablen Abrollkomfort bieten. Obwohl schnelles Fahren auf Asphalt nicht zu den Pflichtübungen eines wettbewerbstauglichen MTBs zählt, wollte einer unserer Testpiloten wissen, wie es um die Hochgeschwindigkeitsstabilität des flinken Pinnacle steht: Ein 15 prozentiges Gefälle bot ihm Gelegenheit, Tempo 70 locker zu überschreiten und sich und das Mountain Bike in Schwierigkeiten zu bringen. Der Gute hatīs überlebt und konnte hinterher glaubhaft versichern, der Geländeakrobat habe sich bei dieser Übung selbst durch provokante Manöver nicht aus der Ruhe bringen lassen.


Massive senkrechte
Ausfallenden

Kräftig dimensionierte
Kettenstreben aus
Rund-/Vierkantrohr

TECHNISCHE DATEN

RAHMEN

Muffenlos geschweißter Rahmen aus
endverstärktem Leichtmetallrohr, Hinter-
radbremszug- und Schaltzugführung im
Unterrohr. Befestigungsaugen für zwei
Flaschenhalter. CrMo-Stahlrohrgabel mit
Cantileversockel, U-Brake-Sockel unter
den Kettenstreben. Rahmenhöhen 35,5
40,5 (getestet), 45,0 cm (Mitte - Mitte).

ANTRIEBSGRUPPE

Tretkurbelsatz Shimano Deore XT, Kur-
bellänge 175 mm, Dreifach-Kettenrad
48/38/28 Zähne, Pedale Deore XT. Ge-
dichtetes Innenlager. Schaltwerk Shima-
no XT SIS mit 38 Zähnen Schaltkapazität,
größtes Ritzel 32 Zähne, Umwerfer Shi-
mano Deore XT mit 21 Zähnen Schaltka-
pazität. Sechsfach-Kassettenzahnkranz,
Abstufung 14/16/20/24/28/32 Zähne,
Kette Sedis gold, 1/2 x 3/32.

RÄDER

Naben Shimano Deore XT, 36 Loch, ge-
dichtet, vorn und hinten Schnellspanner.
Das abfallende Oberrohr - in
der Zeichnung
nicht darge-
stellt - läßt die
Rahmenhöhe
auf einen
ungewohnt
niedrigen Wert
schrumpfen.
Der Testrah-
men entspricht
einem "nor-
malen" 51er
(Mitte Tret-
lager - Ober-
kante Sitzrohr)
Felgen Specialized, schwarz anodisiert.
2-mm-Edelstahlspeichen. Reifen Panara-
cer IBEX-II, 26 x 2.00.

KOMPONENTEN

Lenkkopflager Shimano Deore XT,ge-
dichtet. Bremsen Shimano Deore XT,
vorn Cantilever, hinten U-Brake. Sattel-
stütze American Classic Equipment, Sat-
tel Avocet R 20 Gelflex. Lenkervorbau
Salsa, 120 mm, Lenker Salsa, 605 mm
breit.

GEWICHT

11,8 kg

PREIS

zirka 3400 Mark

HERSTELLER/IMPORTEUR

Markus R. Storck
Handelsvertretungen,
6000 Frankfurt 90

Aus der Ruhe gebracht wird eher der Pinnacle-Interessent, wenn er die Antwort auf seine Frage nach dem Preis des Klein-Kunstwerks erhält: 1675 Mark kostet allein der Rahmen (mit Innenlager und Umwerfer) - kein Wunder, daß für ein Komplettrad in der von uns getesteten Ausführung rund 3400 zu entrichten sind. Natürlich läßt sich bei der Ausstattung einiges einsparen, doch wer sich einmal mit den am Testrad montierten Zutaten angefreundet hat, möchte nirgendwo Abstriche machen. Von den Deore XT-Komponenten soll nicht lange die Rede sein. Diese Shimano-Topgruppe ist erste Wahl bei zahllosen MTB-Herstellern und erste Wahl, was Funktion und Finish angeht: Die Schaltung arbeitet bestens, die Achse der Kassettennabe hält härtesten Beanspruchungen stand, die Bremsen lassen hinsichtlich Wirkung und Dosierbarkeit keine Wünsche offen, und im Interesse der Wartungsarmut und Langlebigkeit sind alle Lager sorgfältig abgedichtet. Nicht unerwähnt bleiben sollen ein paar weniger bekannte Zutaten, die geringes Gewicht, edle Optik und makelose Funktion vereinen: Der "handgeschnitzte" Salsa-Vorbau besteht aus konifiziertem CrMo-Stahlrohr. Eine wiederstandsfähige Kunststoffbeschichtung schützt ihn vor Kratzern, ein stabiles Zugwiederlager mit Umlenkrolle sorgt für eine steife Bremskraftübertragung. Ebenfalls aus hochlegiertem, konisch gezogenem Stahlrohr ist der rauchverchromte Salsa-Lenker gefertigt. Eine leichte und elegante Ergänzung dazu bildet die Sattelstütze der Firma American Classic Equipment. Fazit: Gary Klein hat für sein Mountain Bike einen treffenden Namen gewählt - "Pinnacle" bedeutet Berggipfel oder Spitze, und Spitze ist das Pinnacle, das haben uns die Testfahrten gelehrt, für sportlich ambitionierte MTBler in der Tat.   Jürgen Schmitz

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